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[...]das Spiel der vier Musiker hat auch jene seltene Qualität, wie sie einst etwa beim jungen András Schiff zu finden war: eine Mischung aus Zartheit, Innigkeit und Unschuld[...] mehr [1.063 KB]

ECHO KLASSIK 2010 AN DAS MINGUET QUARTETT [17 KB]

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Mittelhessische Zeitung Marburg 15.06.2011

Der Welt für eine Zeit entfliehen

Minguet Quartett spielt im Fürstensaal

Marburg/Biedenkopf-Eckelshausen (red). Wiener Gefühle und Lebenslust waren das Motto des Abschlusskonzerts der 25. Eckelshausener Musiktage im Fürstensaal des Marburger Schlosses. Das Minguet Quartett, Echo Klassik Preisträger 2010, nahm die Zuhörer überzeugend in die Gefühlswelt der Wiener Musik mit.
Den Auftakt dazu bildete das hoch emotionale Streichquartett d-Moll KV 421 von Wolfgang Amadeus Mozart, das 1785 zusammen mit fünf weiteren Quartetten veröffentlicht wurde.
Die Musiker Ulrich Isfort, Annette Reisinger, Aroa Sorin und Matthias Diener musizierten das sehr bewegende und gefühlsbetonte Streichquartett mit höchster Geschlossenheit und Dichte. Die kleinsten Motive waren in jeder Stimme sauber herausgearbeitet und machten die enge Abfolge der musikalischen Elemente hörbar. So setzte das Minguet Quartett durch klare Transparenz von Beginn an das Motto des Namensgebers Pablo Minguet um, dem "breiten Volk Zugang zu den schönsten Künsten zu verschaffen".

Technisch und emotional perfekt

Aus der Reihe der "Wunderhorn Lieder" von Gustav Mahler spielten die vier Musiker zwei Bearbeitungen für Streichquartett: "Wo die schönen Trompeten blasen" bot das Wechselbad der Gefühle eines Liebespaares, das sich verabschieden muss, weil der Mann in den Krieg zieht. Die Spannung zwischen der innigen Verbundenheit der Verliebten wurde immer wieder durch Fanfarensignale als Ruf in den Krieg unterbrochen.
Das zweite Lied "Ich bin der Welt abhanden gekommen" gab dem Konzert einen besonderen inhaltlichen Akzent: Hier wurde die Ruhe und Gelassenheit einer himmlischen Erfüllung musikalisch umgesetzt. Mahler komponierte dieses Lied nach einem Gedicht von Friedrich Rückert, das mit den Worten beginnt "Ich bin der Welt abhanden gekommen, mit der ich sonst viel Zeit verdorben".
Zwischen den beiden Mahler Liedern waren die Zuhörer zu außerordentlicher Aufmerksamkeit aufgefordert: Die sechs Bagatellen für Streichquartett op 9 von Anton Webern zeigten sich als hochgradig verdichtete Gedanken. Das technisch sehr anspruchsvolle Stück meisterten die Musiker mühelos und mit emotionaler Interpretation.

Im zweiten Teil des Konzerts stand das Streichquartett c-Moll op. 51 Nr.1 von Johannes Brahms auf dem Programm. Brahms strahlt in seiner Komposition Entschlossenheit und Lebenskraft aus, die das Minguet Quartett mit intensivem Klang zum Ausdruck brachte.





Hessische/Niedersächsische Allgemeine Zeitung 13.06.2011

Das Minguet Quartett eröffnete die Reihe „Spohr und die anderen“ im Kulturbahnhof

Mozart und Mendelssohn getrotzt

Kassel. Dass Musik auch dazu da sein kann, Stille zu vertreiben, ist nicht erst mit dem Radio-Gedudel in die Welt gekommen. Die Hörer zu versichern, „dass etwas sei und nicht etwa nichts“ (so der Philosoph Leibniz), das kann auch ein Streichquartett Mozarts leisten. Zumal dann, wenn es so gespielt wird wie das d-Moll-Quartett KV 421 vom Minguet Quartett zum Auftakt der neuen Konzertreihe „Spohr und die anderen“.
Geradezu beunruhigend war es zu verfolgen, mit welcher Radikalität die vier Musiker (Ulrich Isfort und Annette Reisinger, Violine, Aroa Sorin, Viola, und Matthias Diener, Violoncello) die Motive des Mozart-Kopfsatzes aus dem Nichts holten, zu kurzen Phrasen formten, aufleuchten ließen und sogleich zurücknahmen.
Doch auch so lässt sich das Spiel des formidablen Kölner Quartetts, das 2010 zu den Echo-Preisträgern zählte, beschreiben: Mozarts Musik ist Theater ohne Sprache, eine Bühne für vier Darsteller. Und wenn das Trio im Menuettsatz schon alpenländische Anklänge aufweist - warum dies nicht bis zum Anschlag pointieren?
Existenzielle Befindlichkeiten bei Mozarts ungewöhnlichem Moll-Werk und heftiger Seelenschmerz am Ende bei Felix Mendelssohn Bartholdys f-Moll-Streichquartett op. 80, das nach dem Tod der geliebten Schwester entstand: Dazwischen nahm sich Louis Spohrs C-Dur-Quartett op. 141 fast etwas leichtgewichtig aus. Und das zu Beginn der Reihe „Spohr und die anderen“, die das Spohr-Museum und der Konzertverein ins Leben gerufen haben, um Begeisterung gerade für Spohrs Musik zu wecken.
Doch die Sorge war unbegründet: Auch wenn die Minguet-Musiker im Pausengespräch selbst einige Vorbehalte gegenüber Spohr äußerten: Das Spiel der vier ließ doch die eigenartige Faszination spüren, die von Spohrs insistierenden Harmoniefolgen, den nur scheinbar harmlosen Melodien, der Wärme erzeugenden Dichte seiner Komposition ausgeht.
Für die Zuhörer im Kulturbahnhof war das Konzert, nach dem Beifall zu urteilen, jedenfalls ein Erlebnis. Und die Zugabe, ein Arrangement von Mahlers Wunderhorn-Lied „Wo die schönen Trompeten blasen“, verströmte noch einen besonderen Zauber.
Von Werner Fritsch









Solinger Tageblatt 17.05.2011

Begeisterndes Minguet-Quartett

KONZERT Grandiose Musik auf höchstem Niveau

Von Christoph Bingel

Zu Recht zählt es zur weltweiten Crème de la Crème der Streichquartette: das Minguet Quartett. Für das große Publikum war es ein einzigartiger Genuss, die grandiosen Musiker beim Meisterkonzert der Werner-Trenk-ner-Gesellschaft im Museum Baden zu erleben – zugleich krönender Abschluss der Saison.

Atemberaubend eröffneten Ulrich Isfort (1. Violine), Annette Reisinger (2. Violine), Aroa Sorin (Viola) und Matthias Diener (Violoncello) den Abend – nämlich mit dem „Contrapunctus“ 1, 3 und 4 aus Johann Sebastian Bachs (1685-1750) „Kunst der Fuge“ (BWV 1080). An einem Grundthema in d-Moll entfaltet Bach hier seine ganze kontrapunktische Meisterschaft. Die polyphonen Strukturen höchst differenziert herausmeißelnd, rührte das Quartett an das wortlose Geheimnis des Werks.

Weiterhin fesselte eine unglaublich sensible Interpretation von Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) Streichquartett d-Moll KV 421. Mit sagenhafter Intensität fing das Quartett den dramatisch-schmerzlichen Gestus des Werks ein. Tief berührend gelang das Wechselspiel aus energischem Aufbäumen und melancholischer Resignation, durchbrochen von Inseln des Glücks.

Romantisch gesteigert ist der tragische Ausdrucksgehalt im Streichquartett c-Moll op. 51 Nr. 1 von Johannes Brahms (1833-1897). Mit vollkommener Hingabe und höchst expressiv interpretierten die Musiker das von grimmiger Leidenschaft durchzogene Werk. In den explosiven Ecksätzen ließen sie aus der entfachten Glut wilde Flammen emporlodern – voll zarter Innigkeit gestalteten sie in den Mittelsätzen besänftigende Kontraste: Ein zutiefst aufwühlendes Erlebnis, für das die Musiker den frenetischen Beifall verdient hatten.





klassik.com 17.03.2011

Reise ins Innere des Klangs

Peter Ruzicka: Sämtliche Werke für Streichquartett
Label: Neos , VÖ: 19.02.2010

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert:
Booklet:

Endlich liegen die Kompositionen für Streichquartette von Peter Ruzicka in einer Gesamtaufnahme vor. Peter Ruzicka gehört zu den interessantesten Komponisten der Gegenwart. Er komponiert nicht im quasi luftleeren Raum auf der Suche nach unerhörten Klängen; seine individuelle, hochsensible Klangsprache ist durchdrängt von Erinnerungen und Verweisen und da, wo ihm die Musik nicht genügt, lässt er Dichter zu Wort kommen, mit Vorliebe Friedrich Hölderlin und Paul Celan. Auf subtile Weise näherte sich Ruzicka den hermetischen Metaphern des Dichters Paul Celan. Wer über Celan komponieren will, muss unweigerlich noch einmal hinab in die schwarzen Untergeschosse des 20. Jahrhunderts, schrieb der Musikschriftsteller Claus Spahn. Die Holocausterfahrungen, der Tod seiner Eltern in einem Konzentrationslager – dies sind Erfahrungen, die sich im Werk Celans tief eingegraben haben. Peter Ruzicka, der den Dichter noch kurz vor dessen Tod kennengelernt hatte, weiß um dies, aber er verfolgte in seinem Werk eine darüber hinaus gehende Zielrichtung und komponierte seine Streichquartette als existentielle musikalische Auseinandersetzung mit menschlichen Grunderfahrungen, gewissermaßen klangliche Stillleben, in denen auch Hoffnung aufleuchten kann.
Nun liegt sein Gesamtwerk für Streichquartett mit dem vorzüglichen Minguet Quartett vor. Man bekommt Einblicke von der künstlerischen Wanderschaft Ruzickas, ausgehend von den ersten Komposition aus den Jahren 1969/70 bis hin in jene klanglichen Bereiche der jüngsten Werke aus dem Jahre 2008, wo jede Geste, jedes Detail an Bedeutung vor einem brüchigen Hintergrund gewinnt. Im Vierten Streichquartett '...sich verlierend' mit Textbruchstücken von Paul Valéry, Hugo von Hofmannsthal, Peter Handke, Ingeborg Bachmann, Dieter Schnebel und Theodor W. Adorno legt sich in der unterschiedlichen Wahrnehmung von Text und Musik allmählich Fragment auf Fragment, wobei die komplexe und fragile musikalische Struktur bis in die kleinsten Verästelungen erfasst wird und der Hörer auf eine faszinierende Reise durch einen unerhörten klanglichen Kosmos eingeladen wird. Peter Ruzicka und Christoph Bantzer nähern sich den Texten mit einem interpretatorischen Paradoxon; sie vermischten Texturakkuratesse mit expressiver Diktion. Beiden gelang dementsprechend gewissermaßen eine textliche Kernspaltung. Vor dem Hintergrund eines interpretatorischen Bogens, der das ganze jeweilige Werk umspannt, wird jede Silbe quasi aus einem minuziös atomisierten semantischen Klangereignis heraus entwickelt. Kommt zur Sprechstimmung noch das Gesangliche hinzu, wie bei der vorzüglichen Sopranistin Mojca Erdmann, so erstrahlt der subtil mehrfach verschlüsselter Klang- und Bedeutungskosmos in seiner prismenhaften Vielfältigkeit.
Vieldimensional schimmernder Klangkosmos
Das mit phänomenalem Einsatz aufspielende Minguet Quartett widmet sich dem Werk Ruzickas mit Wachheit und intelligenter Geistesgegenwart. Peter Ruzicka erscheint in seinen Kompositionen für Streichquartette auf den ersten Blick wieder einmal als genuiner Romantiker; allzu oft wird aber übersehen, dass dies nur die klangliche Oberfläche ist, unter der es gewaltig brodelt. Und so ist es ein nicht zu unterschätzendes Verdienst der Herangehensweise der formidablen Instrumentalisten des Minguet Quartetts, dass sie ihre Interpretationen nicht als allerletzte Suche nach der blauen Blume der Romantik, sondern Emanzipation von klanglichen Vorurteilen gestalten und die Kompositionen als ein vieldimensional schillerndes musikalisches Geschehen gestalten, zu dem jeder Instrumentalist in gleicher Weise beizutragen hat: ein in der Tat demokratisches Ideal des Musizierens. Mit dem Minguet Quartett hat diese so sensible und fragile Musik ihren idealen Interpreten gefunden. Ungeheuer konzentriert und intim wird hier musiziert, quasi meditativ, so, als sollte es vom Hörer selbst neu entdeckt werden.
Bedauerlich, dass diese wunderbaren Werke so selten im Konzertsaal zu hören sind. Vielleicht liegt es einfach daran, dass sie eigentlich quer stehen zum Kulturbetrieb der Gegenwart, weil sie sowohl an Ausführende wie auch an Zuhörende besondere Anforderungen stellen. Der beigefügte Text von Peter Becker ist stichhaltig und informativ, die Aufnahmetechnik tadellos.
Michael Pitz-Grewenig





OVB Rosenheim
16.03.2011

Minguet Quartett gastierte im Wasserburger Rathaussaal

Zauberhafte Leichtigkeit

Das Kölner Minguet Quartett war der Grund dafür, dass sich der Wasserburger Rathaussaal bereits eine halbe Stunde vor Konzertbeginn mit freudig erwartungsvollen Besuchern zu füllen begann. Denn kaum ein Streichquartett spielt zugleich derart leicht und vergeistigt, derart frisch und kultiviert. Für den Liebhaber von Kammermusik bedeutete es einen großen Genuss, dem Quartett, das nach einem spanischen Philosophen des 18. Jahrhunderts benannt ist, bei der Ausübung seiner Kunst zusehen und zuhören zu dürfen. Auf dem Programm des Abends standen das dritte Streichquartett in A-Dur Opus 41 von Robert Schumann, das sogenannte Jagdquartett von Jörg Widmann und Mendelssohns spätes f-Moll-Quartett Opus 80.

Das A-Dur-Streichquartett gilt als das eingängigste von Schumann. Die vier Musiker Ulrich Isfort und Annette Reisinger (Violine), Aroa Sorin (Viola) und Matthias Diener (Violoncello) spielten bereits das langsam beginnende Andante espressivo mit dem Allegro-Hauptthema, auf das das Cello mit einer lyrisch schwebenden Melodie antwortet, wunderbar ausbalanciert. Im Kontrast hierzu stand das schmerzlich aufgewühlte assai agitato, das traurige adagio molto und das tänzerische fröhliche Finale, in dem das Minguet Quartett sein kammermusikalisches Können glanzvoll unter Beweis stellte.

Jörg Widmanns "Jagdquartett" mit seinem hetzenden Tempo, den rasanten Dissonanzen und effektvoll-skurrilen Einsprengseln verlangte vom Minguet Quartett nicht nur große technische Brillanz, sondern auch eine gewisse humoristische Dramatik. Da schlugen die Musiker ihre Bögen in die Luft, stießen sie kurze Schreie aus und löste sich eine zunächst folkloristisch anmutende Melodie allmählich in schrille Tonfolgen auf. Die kratzenden, schleifenden Geräusche der Violinen, die jaulende Viola und das knurrende Cello schienen eine wilde Jagdszene perfekt in Töne zu fassen.

Nach der Pause durften sich die Hörer beim f-Moll-Streichquartett ganz der Trauer Mendelssohns um seine verstorbene Schwester Fanny hingeben. Die seelische Starre des Komponisten, seine Ohnmacht und Verzweiflung fanden im Allegro vivace assai, aber auch im melancholischen Adagio einen erschütternden Ausdruck. Das Minguet Quartett spielte die zwischen Aufbäumen und Resignation schwankenden Stimmungen mit berückender Einfühlung wunderbar ausdifferenziert. Überhaupt schienen die vier Musiker einen einzigen Klangkörper zu bilden. Stets war ihr Spiel farbig und facettenreich und zugleich von einer zauberischen Leichtigkeit, die alle Düsternis überstrahlte. Als Dank für den stürmischen Beifall spielte das Minguet Quartett noch ein kurzes, Mahler zitierendes elegisches Stück von Peter Ruzicka.







Stuttgarter Nachrichten 15.02.2011

Musikalisches Neuland für Publikum

Fellbach. Große Kunst mit hohem Anspruch wird beim Rathauskonzert mit dem Minguet Quartett geboten.

Von Frank Ebert
Die "Fellbacher Rathauskonzerte" untermauerten auch in der zweiten Ausgabe in diesem Jahr ihren hervorragenden Ruf, ein Podium für hochklassige Kammermusik zu bieten. Am Sonntagabend ergänzte mit dem Minguet Quartett aus Köln, eines der aktuell profiliertesten Ensembles in Deutschland, die lange Reihe exzellenter Gastspiele im großen Saal mit einem ausgesuchten Programm, das in seiner Zusammensetzung und Stilistik über weite Strecken Neuland für das Fellbacher Publikum bedeutete.

Streichquartett, Gitarre und Kastagnetten - so las sich die ungewöhnliche Besetzungsliste des Abends, der ausschließlich Kompositionen südländischer Meister bereithielt. Deren Sprache eröffnete einen vielfach neuen, unbekannten Klangraum aus Melancholie und Schwermut auf der einen, und mitreißender Rhythmik und Spielfreude auf der anderen Seite. Die von berührender Innigkeit beseelte Musik des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos stimmte die Zuhörer schon zu Beginn auf diese andere Klangwelt ein.

Der Gitarrist Friedemann Wuttke fesselte dabei das Publikum durch seine hohe Präsenz, die gerade in den leisen Tönen eine eindrucksvolle Spannung im ausverkauften Rathaussaal hervorrief. Ravels Streichquartett, das das Streicherensemble um Ulrich Isfort, Annette Reisinger (beide Violine), Aroa Sorin (Viola) und Matthias Diener (Violoncello) anschließend intonierte, stand für großes Ensemblemusizieren. Sorgsam entwickelte das Quartett Ravels Themen und präsentierte dabei alles, was die Musik für Streichinstrumente zu bieten hatte: Weiche, gedämpfte Klänge wechselten mit perlenden Pizzicati, lyrisch fließende Abschnitte gingen in drängende Tremolopassagen über.

Im zweiten Teil des Programms erfüllte sich das, was sich zuvor schon erahnen ließ. Die Streicher gingen mit dem Gitarristen und mit Felix Matzura (Kastagnetten) eine kongeniale musikalische Symbiose ein und begeisterten das Publikum besonders mit Boccherinis "Gitarrenquintett", das das südländische Temperament vor allem im letzten Satz eindrucksvoll hör- und sichtbar werden ließ.





Siegener Zeitung
10.2.2011

Premium-Kammermusik

Keine Muskelspiele: Das Kölner Ensemble malte im Gebrüder-Busch-Theater ein feines Klangbild.

aww - Kraftprotzereien sind das Ding des Minguet-Quartetts offenbar nicht. Wo manch anderer Streicher-Vierer gerne einmal die Muskeln spielen lässt und sich den Anschein gibt, es klanglich mit einem ganzen Orchester aufnehmen zu wollen (was mitunter durchaus berechtigt sein und seinen Reiz haben kann), da konzentriert sich das aus Köln stammende Ensemble vor allem auf eins: ein kultiviertes, subtiles, kurz: auf ein ganz fein gemaltes Klangbild.

Designer-Kammermusik der Luxusklasse
Das 119. Konzert der Busch-Kreis-Reihe "Meisterliche Kammermusik", in der das Minguet-Quartett bereits zum dritten Mal gastierte, hielt am Dienstagabend im Dahlbrucher Busch-Theater ausgesuchteste Darbietungen aus dem Premium-Segment bereit. Designer-Kammermusik der Luxusklasse sozusagen.

Feinsinnige Gestaltung
Die Feinsinnigkeit, mit der Ulrich Isfort (1. Violine), Annette Reisinger (2. Violine), Aroa Sorin (Bratsche) und Matthias Diener (Cello) zu Werke gehen, das blinde Verständnis und das außerordentlich hohe Maß an Kongruenz - beides wird freilich umso bedeutender, je behutsamer das Vorgehen ist - wurden insbesondere in den dem Konzert den Rahmen gebenden Werken aus Barock und Klassik deutlich. Bei J.S. Bachs Contrapuncti 1, 3, 4 und 9 aus der "Kunst der Fuge" wirkte der Ensembleklang auf fast in sich gekehrte Weise zurückgenommen - und erzeugte gerade damit Spannung -, zuweilen meditativ gar, immer aber transparent, geradezu glasklar. Das war große Kunst der Gestaltung.

Mozart - Anmut in akustischer Form
Ganz graziös ließen die Instrumentalisten zum Schluss Mozarts d-Moll-Quartett (KV 421) erklingen - das war pure Anmut in akustischer Form. Geht es noch liebreizender als im wundervollen, zarten, von den Musikern mit sorgfältigen dynamischen Schattierungen ausgeführten Andante?

Gelungen auch: die "neuere" Musik
Freilich kommt eine solche Fixierung auf die klangliche Differenziertheit auch "neueren" Werken zugute und darunter selbstverständlich in Sonderheit so konzentrierten Werken wie den sehr kurzen Sechs Bagatellen op. 9 von Anton Webern. Das ist Musik in ihrer Essenz, die jeden einzelnen Ton, jeden einzelnen Effekt in der Tongebung entscheidend werden lässt. In der Umsetzung des Minguet-Quartetts gelang dies eindrucksvoll! Ebenso geriet die Interpretation des zentralen Werks des Abends, Glenn Goulds Streichquartett f-Moll, op. 1 (1953-55). Dabei war es keineswegs eine leichte Aufgabe für die Musiker, den Spannungsbogen bei dem ausgedehnten Stück über den Verlauf einer halben Stunde hin dauerhaft zu halten. Lang hingezogene, fast unmerkliche Steigerungen, dann Momente von ätherischer Zartheit oder solche von aufwühlender Wildheit, alles hatte seine Erfordernisse, und dem Ensemble gingen die Reserven nie aus. Auch nicht, als das hörbar beeindruckte Publikum sich noch eine Zugabe erklatschte: Es bekam noch den Schluss aus dem Finalsatz von Peter Ruzickas 2. Streichquartett zu hören.





Französische Fachzeitschrift Diapason Januar 2011

Peter Ruzicka - Das Werk für Streichquartett
Mojca Erdmann - Sopran
Christoph Bantzer & Peter Ruzicka - Sprecher
Minguet Quartett

Bewertung: 5 von 5

In Deutschland wird Peter Ruzicka häufig aufgeführt. Auf unserer Seite des Rheins erinnert man sich lediglich seiner – gewiss bedeutenden – Tätigkeit als künstlerischer Leiter der glanzvollen Salzburger Festspiele und hin und wieder seiner Dirigentenlaufbahn. Der Komponist Ruzicka jedoch, er studierte u.a. zusammen mit Henze, kann einen Werkkatalog von äußerstem Interesse vorweisen mit einem leicht erkennbaren literarischen Bezug zu Paul Celan und Friedrich Hölderlin.
Alle seine Kompositionen für Streichquartett gesammelt vorzufinden ist allerdings ein Glücksfall, zumal man es hier mit dem Minguet Quartett zu tun hat, dessen sehr schöne Einspielung der Streichquartette von Rihm (Col Legno) man bereits kennt und die sich auch diesmal als exzellente Interpreten erweisen.
Die Entwicklung der musikalischen Sprache zwischen dem sechsten und ersten der Ruzicka-Quartette ist offensichtlich, erscheint aber zweitrangig angesichts des gleich bleibend starken Ausdrucks und der Dichte von Form, Gehalt und Dramatik. Die Abstecher in den Expressionismus, zu spüren noch in „Introspezione“ und „Fragment“ (beide 1970), sind in der Folge selten. Das dritte Werk „Über ein Verschwinden“, 1992, bringt eine neblig-trübe Stimmung hervor, Stille wird spürbar, und die Minguets lassen uns für einen Augen atemlos, bevor – wie im „Fragment“ ein Zitat Mahlers emporsteigt.
Im Vortrag der zwölf Celan-Gedichte („Zeitgehöft“) zeigt sich Ruzicka als einfühlsamer Rezitator, vertraut diese Aufgabe aber in „Sich verlierend“ (Quartett Nr. 4, 1996) Christoph Bantzer an. Es folgen Auszüge aus Texten von Valéry, Handke, Adorno, Hofmannsthal, Celan, Pavese und Wittgenstein. Auch hier verdünnt sich - nach heftigem Auftakt – das musikalische Material, schließlich erklingt eine Folge von schlichten, strahlenden Akkorden, deren Feinstruktur die Minguets auf vollkommene Weise zu Gehör bringen.
Die beiden letzten Quartette beschränken sich wieder auf das Wesentliche. In „Sturz“(2004) bleibt alles Andeutung, flüchtig, unter ständiger Anspannung, Festes wird vermieden. Assoziationen zu Lachenmann werden in einem fast unhörbaren Abschnitt geweckt, wo die Bögen die Klangkörper der Instrumente gerade noch berühren.
Gegen diesen aufs Äußerste verklärten und äußerst ausdrucksvollen Klang steht die Sinnlichkeit der Sing-Stimme in „Erinnerung und Vergessen“ (2008).
Die Hölderlinsche Mnemosyne verhilft dem Sopran von Mojca Erdmann zu berauschendem Klang und anrührendem Wort. Im letzten Teil hält ein ätherischer Klang der Saiteninstrumente einen textlosen Sing-Klang in der Schwebe und entlässt uns in einen Zustand der Verzückung.

Pierre Rigaudière



Süddeutsche Zeitung 22.1.2011

Überaus lebendig

Minguet Quartett mit virtuoser „Hommage à Glenn Gould“

Die Musiker spielten dem Publikum unter die Haut.

Zorneding - Als „Hommage à Glenn Gould“ war das Konzert des Kulturvereins Zorneding-Baldham vom vergangenen Sonntag im Martinstadl gestaltet, eine originelle Programmidee von Oliver Triendl, zu deren Verwirklichung er ein entsprechend kompetentes Ensemble mit dem renommierten Minguet Quartett aus Köln und der nicht weniger renommierten französischen Pianistin Claire Désert gewonnen hatte. Es wurde dann auch ein hochinteressanter Abend daraus, beflügelt vom Genie – und manchmal auch nur vom Talent – Glenn Goulds. Gould, der musikalisch-menschliche Exzentriker, hat die Musik Johann Sebastian Bachs für das 20. Jahrhundert, man könnte fast sagen ,,wiederentdeckt", entromantisiert und damit ihre klare und transparente Struktur zum Vorschein gebracht.
Bach war denn auch in Gestalt von fünf der insgesamt fünfzehn Fugen der „Kunst der Fuge“ BWV 1080, dem Alterswerk und ,,Testament" vertreten, einem Werk, dessen Abstraktheit sich darin dokumentiert, dass Bach weder eine Instrumentierung seines vierstimmigen Satzes noch gar Vortragsbezeichnungen vorgesehen hat. Hier erklang es in einer Streichquartett-Bearbeitung, schön gespielt, aber nicht frei von romantisierendem Vibrato.
Gould hatte einen fast ,,schizophrenen" Musikgeschmack, der zwischen der Reinheit und streng strukturierten Musik Bachs und der musikalischen Spätromantik der Wiener Schule am Übergang zur Atonalität und ihrer Bändigung durch Schönbergs Zwölfton-Lehre schwankte. Zeugnis dessen ist sein Steichquartett op . 1, in einem Satz geschrieben und circa 35 Minuten dauernd.
In seinem Grundcharakter spätromantisch ist dieses Werk, dessen Coda allein über 300 Takte währt, dem ,,Fugenexperten" Gould aus den Fugen geraten. Man hört seine Vorlieben für Schönberg, Berg und Webern deutlich heraus, die beabsichtigte Struktur der Sonatenform wird - jedenfalls beim ersten Hören - kaum erfahrbar. Erfahrbar bleibt, dass hier ein leidenschaftlicher Geist um Ausdruck ringt.
Das Minguet Quartett hat sich dieser Sisyphusarbeit mit spürbarem Engagement und brillanter Virtuosität unterzogen.
Aber welch ein überzeugendes Gegenbeispiel zu Goulds Redefluss die nach der Pause gebrachten „Sechs Bagatellenfür Streichquartett op. 9“ von Anton Webern: sechs Sätze von weniger als Minutendauer, in deren extremer Konzentration Webern ein Höchstmaß an Ausdruck, Farbigkeit und dymamischer Vielfalt verwirklicht. Die Interpretation durch die Minguets war atemberaubend, sie spielten dieses extreme Werk ihrem begeisterten Publikum in Zorneding schlicht ,,unter die Haut".
Überaus lebendig, von Claire Désert vor allem in den kadenzierenden Passagen eindrucksvoll gestaltet, erklang abschließend Bachs Cembalokonzert d-Moll BWV 1052 in der wohltuend durchsichtigen Fassung mit Streichquartett. Dafür gab es enormen Beifall wie vorher, vor allem bei Anton Webern.
Claus Regnault



Die Rheinpfalz 21.1.2011

Ein ganz großes Bravo

Der Kammermusikabend mit dem Minguet Quartett in der Grünstadter Friedenskirche bietet lebendige Interpretationskunst

Von Roland Happersberger

Wenn der Begriff nicht so verbraucht wäre, weil jedes Konzert, das der Grünstadter Kulturverein veranstaltet, qua Reihentitel so heißt, ließe sich sagen: Der Kammermusikabend mit dem Minguet Quartett am Samstag in der Friedenskirche war eine Sternstunde von außergewöhnlichem Rang. Blitzgescheite, lebendige Interpretationskunst verband sich mit einem so herrlichen, seidig-glänzenden Gesamtklang, dass das Lauschen wirklich eine Lust war. Das Minguet-Quartett, benannt nach einem spanischem Philosophen des 18. Jahrhunderts, der die Kunst dem Volk nahebringen wollte, besteht seit 1988. Ulrich Isfort (1. Violine), Annette Reisinger (2. Violine), Aroa Sorin (Viola) und Matthias Diener (Cello) brachten ein Programm, das - mit Musik von Bach, Mozart und Webern - den musikalischen Kosmos des ebenso befähigten wie problematischen Pianisten Glenn Gould erschließen wollte. Der wäre, vielfältigem eigenem Bekunden nach, viel lieber Komponist als Pianist geworden, hat aber nur ein größeres Stück, einen 35-minütigen großen Sonatenhauptsatz als Streichquartett op. 1, geschrieben, das im Zentrum des Programms stand. Gould war zunächst ein weltberühmter Bachinterpret. So begann das Konzert mit Sätzen aus der „Kunst der Fuge", den Contrapuncti 1, 3, 4 und 9. Ganz fein und im Detail belebt stimmte Annette Reisinger an der zweiten Violine das Thema des ersten Kontrapunktes an. Ein ganz wunderbares Geflecht von vier selbstständigen, aber doch miteinander verbundenen musikalischen Subjekten entfaltete sich in allen vier Kontrapunkten. Die leuchtende Klarheit absoluter, das heißt nur dem Klang, nicht dem Ausdruck irgendwelcher Affekte verpflichteter Musik von quasi überzeitlicher Schönheit, dargeboten in schöner Plastizität des polyphonen Gewebes, belebt durch leichte, aber gerade dadurch effektvolle dynamische Abstufungen, niemals angestrengt, steif oder gar klanglich forciert, war wunderbar. Ein ganz großes Bravo.

Dann Glenn Goulds Streichquartett op. 1, das der 20-Jährige in den 1950er Jahren schrieb, in einer spätromantischen, noch ganz in der Tonalität zentrierten Klangsprache, welche schon 40 Jahre eher durch Schönberg, Berg und Webern durch neue, atonale Kompositionsweisen überwunden war. Man kann Goulds ausgedehnten Satz auch gelten lassen als das aufbegehrende, sich an der Welt abarbeitende Bekenntnis eines jungen Menschen - keine Musik allerersten Ranges, aber einfallsreich und emotional anrührend. Und wenn sie dann mit so viel Sinn für musikalische Architektur, mit solcher Homogenität des Vortrags, mit so kanten- und schlackenloser Eleganz des Klangs, auch an den energischsten Stellen mit Kraft, aber ohne jede Schärfe vorgetragen wird, dann darf man ruhig in solche Schönheit hineintauchen. Ganz großartig der Schluss: ein grandioses Crescendo ins vibrierende doppelte Forte, dann ein trotziger, entschiedener Ruf der Selbstbehauptung. Ende. Anton Weberns sechs Bagatellen für Streichquartett op. 9 riefen in Erinnerung, dass Musik schon 1913 ganz anders klingen, bizarr, zerrissen sein konnte. Kaum eine Minute dauern die Sätze jeweils, sie erforschen neue Klangmöglichkeiten. Das Minguet Quartett gab sie mit klarer Entschiedenheit: so fremd, so konzentriert, so selbstverständlich, so packend. Der Übergang nach dieser Musik, in der jeder Ton, jede Passage fragmentiert ist, als Einzelnes besteht, zu Mozart, bei dem alles mit allem verbunden ist, war für Hörer wie Musiker schwer: Es dauerte ein paar Takte des Auseinanderstrebens, bis sich das Quartett gesammelt hat zu einem wunderbaren Vortrag des Streichquartett in d-Moll KV 421. Ganz leicht, gleichsam im Parlandoton, dabei aber hoch konzentriert, fein horchend, spannungsvoll begann es - herrlich wieder der Klang: seidig-mild, glänzend schön. Dieses Quartett - ein einzelner Musiker könnte kaum einheitlicher gestalten, als diese vier ihre Instrumente spielten - weiß, wie Mozart"sche Musik organisiert ist; wie sie schwingen, wie sie federn muss, wie aus kleinen Phrasen die Periode, aus der Periode der Satz zu bauen ist, es begreift, dass in dieser Vielgestalt des Details ihr Reichtum liegt, und es muss daher nicht forcieren, sich aufregen, um solcherart Ausdruck zu suchen, wo keiner zu finden ist. Mildes Wiegen im Andante: Wunderbar, wie viel hier die Pausen zwischen den Motiven sind, wie kostbar ein leise abgestuftes Echo erscheint. Und in all dem wird man immer wieder gewahr, wie viel gerade ein ganz leichtes, minimales An- oder Abschwellen vermag. Herrlich das Menuett, am Schönsten sein Trio, voll tänzelndem Lichts, voll wienerischem Charme, fast wie Heurigen-Musik, die Pizzicato-Bratsche erinnert an Zither oder Cymbal. Wie transparent, wie wohlklingend setzt das Geflecht des Finalsatzes ein! Wie erfreut zugleich die wunderschöne Melodie und die feine Harmonie. Wie organisch, wie selbstverständlich und wie immer wieder durch eine unerwartete Wendung überraschend geht in diesem reichen Variationssatz eins aus dem anderen hervor. Der Beifall in der leider nicht sonderlich stark besuchten Friedenskirche: Nicht jubelnd, aber herzlich, lange und dankbar. Die Zugabe: ein paar Takte aus Mahlers zehnter Symphonie.









Rhein-Neckar-Zeitung 18.11.2010

Gedämpfte Vor-Moderne
Musik- und Kunstfreunde luden das Minguet Quartett
mit Werken von Josef Suk, Wolfgang Rihm und Franz Schubert nach Heidelberg

Von Matthias Roth

Er ist der Beethoven unserer Tage: Wolfgang Rihm. Nicht nur, was den gewaltigen Umfang seines Oeuvres, auch was die geistige Tiefe und musikalische Kraft seiner Werke anbelangt. Der 1952 geborene Karlsruher, der jetzt zum Konzert des Minguet Quartetts nach Heidelberg gekommen war, wohnte hier der Aufführung seines 11. Streichquartetts bei.
Diese Schöpfung war eine schwere Geburt: Der Torso-Block dieses Stücks („Quartett-Studie“) lag seit 1998 in der Schublade, und das 12. Quartett war bereits geschrieben und uraufgeführt worden, bevor das Elfte 2007 vollendet werden konnte. Das verwundert bei einem Komponisten, von dem es bei der Masse seiner Produktion heißt, es ginge ihm alles leicht und schnell von der Hand. Nun also konnte man das 35 Minuten-Stück in der Konzertreihe der Musik- und Kunstfreunde erstmals in der Alten Aula hören. Es handelt sich bei dem Einsätzer nicht umein in sich geschlossenes Ganzes, eher um eine wuchernde Gestalt in mehreren, ineinander übergehende und miteinander verhakten Formen. Auffallend ist, dass das ganze Stück „con sordino“, also mit Dämpfer gespielt wird und so ein etwas näselnder Klang vorherrscht, dessen dynamische Spitze gekappt wurde.
Stilistisch orientierte sich Rihm bei seinem 11. Beitrag zur klassischsten aller Gattungen vielleicht am frühen Schönberg, also einem harmonisch freien, aber nicht konsequent atonalen Komponieren vor der Erfindung des neuen „Systems“. Keine Avantgarde, sondern Vor-Moderne als später Nachklang der Romantik quasi. Ihr widmete sich Rihm schon häufiger. So gibt es weite Phasen ganz klassisch gebildeter Vierstimmigkeit, und ruhige Abschnitte herrschen vor. Die Bratsche revoltiert gelegentlich gegen die getragene Andacht und zettelt verschiedentlich aufbegehrende, kämpferische Abschnitte an. Am eindringlichsten geriet Rihm eine Art Choral im letzten Drittel der Komposition, der stark an Beethovens „Heilige Danksagung eines Genesenden“ aus op. 132 erinnert. Wie häufig erkennt man die ganze Größe dieser Musik wahrscheinlich erst mit gebührendem Abstand. Das wunderbare Minguet Quartett mit der neuen, sehr engagiert sich einbringenden Bratscherin Aroa Sorin, verschrieb sich auch diesem Werk mit Haut und Haaren. Das Ensemble gilt seit der Aufnahme sämtlicher Rihm-Quartette quasi als Sprachrohr des Komponisten und spielt dessen Stücke mit fesselnder Verve und authentischer Kompetenz.
Auch die Wahl, diesem Stück das ebenfalls einsätzige 2. Streichquartett von Josef Suk aus dem Jahre 1911 an die Seite zu stellen, war kein Zufall. Dieses ist der traditionellen Funktionsharmonik zwar gerade noch verbunden, aber schon von erstaunlicher Modernität. Vergleichbar etwa der Tonsprache Janáceks, aber eben auch des jungen Schönberg, der ein großer Freund dieses Werkes gewesen sein soll. Seine dichte Ausdruckskraft brachte die Zeit der Entstehung, in der so viele unterschiedliche Ausbrüche in die neue Zeit, besonders die neue Musik passierten, auf einen Nenner – und uns Heutigen in Erinnerung, dass das auch schon eigentlich ein Jahrhundert weit her ist.
Schuberts leidenschaftlich interpretiertes „Tod und das Mädchen“-Quartett beschloss das Programm, aber nicht den Abend: Als Zugabe lasen nicht nur Eva-Maria und Andrew Jenkins wieder aus Briefen und Schriften von Clara und Robert Schumann, zusammen mit dem Mannheimer Nikolaus Friedrich hörte man auch als Heidelberger Erstaufführung die Busoni-Bearbeitung des „Abendlieds“ aus Schumanns op. 85 für Klarinette und Streichquartett – ein überaus einnehmender Konzertbeschluss.



Das Orchester Ausgabe Oktober 2010 / Seite 55

Lautzeichen einer geschundenen Nation

Im 25. Festivaljahr horchte Schleswig-Holstein den Stimmen Polens

Rückblick auf das gesamte SHMF 2010

… Als Café-Pianist überlebte Witold Lutosławski die Hölle von Warschau. Im Hamburger Bucerius Kunstforum widmete ihm das SHMF nun ein Porträtkonzert. Dass das einzige Streichquartett des großen Polen zum Schlüsselerlebnis des Abends wurde, war dem unvergleichlichen Minguet Quartett zu danken. Hineingezogen in die zugespitzte Dramaturgie von Einleitungs- und Hauptsatz, lauschten die Hörer wie gebannt den Charakterlandschaften des Werks im Spannungsfeld von Bindung und Freiheit. Ende des Artikels

Lutz Lesle





Süddeutsche Zeitung 1.10. 2010

Irdische Transzendenz

Ruzickas sechs Streichquartette in der Akademie der Schönen Künste

München - Man mag den langjährigen Chef der Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater und einstigen Intendanten in Hamburg und bei den Salzburger Festspielen (2001-2006) für vieles kritisieren, doch wofür er am wenigsten bekannt ist, dafür sollte man ihn am meisten schätzen. Gerade war in der Akademie der Schönen Künste mit allen sechs Streichquartetten Peter Ruzickas zu erleben, was für ein exzellenter, emphatischer, emotionsgeladener Komponist der so kühl, beherrscht und allseits korrekt wirkende Hanseat ist. Soeben wurde die exzellente Gesamtaufnahme des Minguet Quartetts auf zwei SACDs für Neos mit dem Echo Klassik ausgezeichnet, da erlaubt der Live-Eindruck mit diesem Ensemble samt Gespräch mit dem Komponisten eine Vertiefung und Potenzierung dieses Höreindrucks.

Die Spanne vom ersten Quartett aus dem Jahr 1969 bis zum bislang letzten, mit einer halben Stunde Spieldauer längsten aus dem Jahr 2008, ist groß. Hier der Niederschlag eines unter ärztlicher Aufsicht durchgeführten Experiments der Wahrnehmungserweiterung durch Drogen, dort die Fortspinnung von Ruzickas Hölderlin-Oper in der 'Vertonung' eines Gedichts, das in der Oper keinen Platz fand. Dazwischen reflektiert das zweite Quartett den Suizid Celans, das dritte ('...über ein Verschwinden') den Tod der Mutter - beide in wunderbare Mahler-Allusionen mündend. Das vierte Quartett bricht mehrfach in die Rezitation philosophischer oder poetischer Sentenzen zum Schweigenmüssen aus (gesprochen von Klaus Schultz, der auch das Gespräch mit dem Komponisten moderierte) und ist wohl das problematischste Stück des Quartett-OEuvres; das fünfte ('Sturz') besteht aus einem einzigen wilden, kaum gezügelten Ausbruch, während das letzte ('Erinnerung und Vergessen') die Summe alles Vorausgegangenen zieht: Ein eminent hoch geführter Sopran (bestechend präzise und intensiv von Sarah Maria Sun gesungen) verschmilzt Verse aus Hölderlins 'Mnemosyne' mit den vier Instrumentalstimmen. Im dritten Satz verarbeitet Ruzicka Melodien eines Quartetts, die er als 15-Jähriger komponierte; und auch im letzten scheinen Harmonien aus Mahlers Neunter in der Luft zu schweben. Dass dazu zartes Kirchengeläut aus der Stadt durch die geschlossenen Fenster herüberweht, ist genauso sinnfällig wie die Tatsache, dass vor fünf Jahren am selben Ort die Glocken zur Wahl des Papstes Ruzickas drittes Quartett begleiteten. Die Transzendenz seiner Musik und ihr irdischer Beziehungsreichtum spiegeln sich darin mit feiner Ironie.

Wie schön wäre es, wenn neben den allzu sporadischen Aufführungen von Kammermusik und Orchesterwerken Ruzickas in München auch einmal eine seiner beiden Opern 'Celan' oder 'Hölderlin' zu erleben wären. Klaus Kalchschmid







www.klassikinfo.de Oktober 2010

Mit Papstglocken

Das Minguet Quartett spielt Peter Ruzickas Streichquartette live in München und auf CD

(München, 29. September 2010) Peter Ruzicka ist in München wahrlich kein Unbekannter, aber als Komponist ist er gleichwohl noch zu entdecken. Man mag den Dirigenten sowie langjährigen Chef der Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater und einstigen Intendanten an der Hamburgischen Staatsoper und bei den Salzburger Festspiele für vieles kritisieren, doch seine Musik ist so ganz anders als die öffentliche Person. Gerade wieder war in der Akademie der Schönen Künste mit allen sechs Streichquartetten zu erleben, was für ein exzellenter, emphatischer, emotionsgeladener Musiker der so kühl, beherrscht und allseits korrekt wirkende Hanseat ist!

Die exzellente Gesamtaufnahme des Minguet Quartetts auf zwei SACDs für Neos wurde soeben mit dem Echo Klassik ausgezeichnet, da erlaubt der Liveeindruck im Konzert des Ensembles samt Gespräch mit dem Komponisten eine Vertiefung und Potenzierung dieses Höreindrucks - und den Vergleich mit den Aufnahmen der ersten vier Quartette, die das Arditti Quartett 1996/97 für ECM einspielte. Dort in der Reihenfolge 3/2/1/4, also endend mit "...sich verlierend" für Streichquartett und Sprechstimme (Dietrich Fischer-Dieskau).

Auf den Neos-CDs und im Konzert sind die sechs Quartette chronologisch zu erleben und das macht Sinn. Denn die Spanne vom ersten Quartett aus dem Jahr 1969 bis zum letzten, mit einer halben Stunde Spieldauer längsten aus dem Jahr 2008, ist groß. Hier der Niederschlag eines unter ärztlicher Aufsicht durchgeführten Experiments der Wahrnehmungserweiterung durch Drogen, dort die Fortspinnung von Ruzickas Hölderlin-Oper in der "Vertonung" eines Gedichts, das in der Oper keinen Platz fand. Dazwischen reflektiert das zweite Quartett den Suizid Celans, das dritte ("...über ein Verschwinden") den Tod der Mutter - beide in wunderbare Mahler-Allusionen mündend.

Das vierte Quartett bricht mehrfach in die Rezitation philosophischer oder poetischer Sentenzen zum Schweigen-Müssen aus (gesprochen von Klaus Schultz, der auch das Gespräch mit dem Komponisten moderierte) und ist wohl das problematischste Stück des Quartett-Oeuvres. Eigentümlicherweise funktioniert es mit der Rezitation von Fischer-Dieskau, der den Mut zu dezent eingesetztem Pathos, Ergriffenheit und Vieldeutigkeit der Worte hat, am besten - auch in den relativ zügigen Tempi des Arditti-Quartetts, in denen die Spannung stets - auch über die gesprochenen Passagen hinweg -gehalten wird. Das gelingt weder dem Schauspieler Claus Bantzer (auf der Neos-CD) noch Klaus Schultz (live in der Akademie) wirklich. Umgekehrt können die Minguets beim dritten Quartett ("...über ein Verschwinden") punkten. Ulrich Isfort und Annette Reisinger (Violinen), Firmian Lermer (Bratsche auf CD) bzw. Aroa Sorin ( Bratsche live) und Matthias Diener (Cello) spielen differenzierter, feiner, "räumlicher". Sie binden außerdem die Beinahe-Zitate aus dem Finale der neunten Symphonie von Gustav Mahler stärker ein, indem sie die Verfremdungen Ruzickas deutlicher, schärfer im Klang und geräuschhafter zum Tragen kommen lassen.

Das fünfte Quartett ("Sturz") besteht aus einem einzigen wilden, kaum gezügelten Ausbruch, während das letzte ("Erinnerung und Vergessen") die Summe alles Vorausgegangenen zieht: Ein eminent hoch geführter Sopran (bestechend präzise und intensiv von Sarah Maria Sun live gesungen, noch überzeugender als Mojca Erdmann auf CD!) verschmilzt Verse aus Hölderlins "Mnemosyne" mit den vier Instrumentalstimmen. Im dritten Satz verarbeitet Ruzicka Melodien eines Quartetts, die er als 15-jähriger komponierte; und auch im letzten Teil scheinen Harmonien aus Mahlers Neunter wie magisch in der Luft zu schweben und sich zauberhaft zu materialisieren! Dass dazu zartes Kirchengeläut aus der Stadt durch die geschlossenen Fenster in die Akadmie herüberwebt, ist genauso sinnfällig wie die Tatsache, dass vor fünf Jahren am gleichen Ort die Glocken zur Wahl des Papstes Ruzickas drittes Quartett begleiteten! Die einkomponierte Transzendenz seiner Musik und ihr irdischer Beziehungsreichtum spiegeln sich darin mit feiner Ironie.

Wie schön wäre es, wenn neben den allzu sporadischen Aufführungen von Kammermusik und Orchesterwerken Ruzickas in München auch einmal eine seiner beiden Opern "Celan" (2001) oder "Hölderlin" aus dem Jahr 2008 zu erleben wären!

Klaus Kalchschmid





Süddeutsche Zeitung / SZ-Extra 23. 9. 2010

CD-Tipp

Gustav Mahler mit Zitaten aus seiner neunten und zehnten Symphonie, Friedrich Hölderlin („Mnemosyne“) und der Freitod Paul Celans: das sind die Fixpunkte in Peter Ruzickas Streichquartett-Schaffen. Zwischen 1969 und 2008 sind sieben zwischen zwei und 31 Minuten lange Werke, Tagebüchern gleich, so der Komponist, entstanden. Alle sind nahe am Verstummen angesiedelt, fein ziseliert, aber von ungeheurer Intensität geprägt. Mal zitiert eine Sprechstimme Hofmannsthal, Pavese oder Wittgenstein („Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“), mal transzendiert ein hoher Sopran die vier Streicher. Am Mittwoch, 29. September (19 Uhr) spielt das Minguet Quartett wie auf den beiden grandiosen SACDs für das Münchner Label Neos das Gesamtwerk Ruzickas für Streichquartett in der Akademie der Schönen Künste, Max-Joseph-Platz 3. Der Eintritt ist frei!
Klaus Kalchschmid





General-Anzeiger Bonn
27.09.2010

Der Klang der Stimme: Minguet Quartett im Beethoven-Haus
Von Tobias Blum

Bonn. Es ist ein Konzert wie eine Studie: Im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses lotet das Minguet Quartett in vier Abschnitten Aspekte von Stille, Klang und Stimme aus. Der Abend begann mit vier Liedern des mittelalterlichen Komponisten Johannes Ockeghem, die, für zwei Violinen, Viola und Violoncello arrangiert, ihre uhrwerksgenaue Anlage offenbaren.

Mit nüchternem Ton greifen die von menschlichem Affekt befreiten Stimmen ineinander, offen hört man das Regelsystem dahinter. Zum anschließenden Ave Maria von Verdi ergibt sich die Verbindung einerseits kompositorisch: Auch hierbei handelt es sich um ein umarrangiertes Gesangsstück. Andererseits schafft das Minguet Quartett eine, und zwar über jenen klaren, Tempi nie ausreizenden Ton.

Es fällt auf, wenn dann im folgenden 3. Satz von Beethovens Streichquartett Nr. 15 in a-Moll, einem Adagio, die Intonation für einen Moment emotionaler wird. Der konzeptionelle Zusammenhang: Beethovens Stück war zwar nicht für menschliche Stimme gedacht, als an "die Gottheit" gewidmeter Dank jedoch als geradezu transzendent sprachlich gemeint.

Alle vorhergegangenen Stücke waren Inspiration für Luigi Nonos "Fragmente - Stille". Sein 1980 fürs Beethovenfest fertiggestelltes Stück zitiert sie alle entweder musikalisch oder paratextlich, wobei die Bestandteile auf häufig dissonante Mikro-Elemente heruntergebrochen sind.
Die Präzision des Quartetts beeindruckt, zumal die Komposition vor allem ein Spiel mit Dynamik ist: Äußerstes Pianissimo und zahlreiche, verschieden lange Pausen lenken den Fokus weg vom Klang und hin auf die Geräuschkulisse im Saal, die, ein beliebtes Thema im 20. Jahrhundert, geradezu Teil der Aufführung wird. Der Applaus am Ende fällt freundlich aus, der Wunsch nach Zugaben scheint jedoch nicht groß zu sein. Schade eigentlich.





General-Anzeiger Bonn
18.09.2010

Sopranistin Mojca Erdmann singt im Forum der Bundeskunsthalle
Von Bernhard Hartmann

Bonn. Die Musik von Wolfgang Amadeus Mozart braucht Mojca Erdmann wie die Luft zum Atmen: "Ich könnte mir nie vorstellen, seine Musik nicht zu singen", sagt die Sopranistin. …

Im Rahmen der Peter-Ruzicka-Porträtkonzertreihe stehen am Sonntag, 20 Uhr, im Forum der Bundeskunsthalle Robert Schumanns Gesänge op. 107 in Aribert Reimanns Bearbeitung für Sopran und Streichquartett sowie Ruzickas "... Erinnerung und vergessen ..." für Streichquartett mit Sopran auf dem Programm.

Den Instrumentalpart spielt das Minguet Quartett, mit dem sie Ruzickas Stück eben erst auf CD veröffentlicht hat. Und zwar so überzeugend, dass den Interpreten der diesjährige Echo für die beste Kammermusik-Einspielung sicher ist. Ihren Part in Ruzickas Musik findet sie "sehr exponiert, sehr sphärisch". Wegen der hohen und langen Töne bei einem sehr langsamen Grundtempo.
Die Stimme, findet sie, wird eher wie ein Instrument behandelt. "Der Streicherklang und der Gesangston vermischen sich sehr", sagt sie. Auch Reimanns Schumann-Experiment schätzt Mojca Erdmann außerordentlich: "Ich finde, die Lieder sind fantastisch instrumentiert. Man hört regelrecht das Klirren der Fensterscheiben."





Oberösterreichische Nachrichten 17.09.2010

Wilder, moderner Streicher-Galopp mit dem Minguet Quartett

Brucknerfest: Minguet Quartett, Werke von Josef Suk, Jörg Widmann und Robert Schumann (Brucknerhaus, 15. 9.) OÖN Bewertung: Sechs Sterne

Der spanische Philosoph Pablo Minguet (18. Jh.) und sein Anliegen, dem Volk die schönen Künste näher zu bringen, gaben dem Kölner Streichquartett seinen Namen, das sich als Minguet Quartett seit 22 Jahren mit Vorliebe der Moderne widmet. So auch im Brucknerhaus: Unterschiedlichste Stimmungen, entgegengesetzte Kräfte entfalten sich im Streichquartett op. 31 des Tschechen Josef Suk (1874–1935), in einem einzigen großangelegten Satz.
Atemlose Streicher-Jagd
Noch um einiges wilder geht es in Jörg Widmanns (*1973) Jagdquartett zu. Der deutsche Klarinettist und Komponist hat eine fast furchteinflößende Hetzjagd vertont, in der die Jäger – sprich Streicher – unter Einsatz aller (Stimm-)Kräfte selbst zu den Gejagten werden. Mitreißend, schaurig und doch zum Schmunzeln, wenn wahre Könner am Werk sind, die diesen technischen Anforderungen überlegen sind: 22 gemeinsame Jahre haben das Minguet Quartett zu einer hochkarätigen Einheit zusammengeschweißt, in der jeder den anderen und sein Spiel in- und auswendig kennen muss, um Nuancen derart fein aufeinander abstimmen zu können, um Musik so voller Leben wie aus einem Guss entstehen zu lassen.
Von ihrer romantischen Seite zeigten sich die Meister mit Schumanns A-Dur-Streichquartett op. 41, Nr. 3 als ungemein feinsinnigem Ausklang, und einem Webern- „Minutenstück“ als Zugabe. Schade nur, dass so vielen dieser spannende wie brillante Abend entgangen ist.







Rheinischer Merkur Nr. 18 / 2010

KAMMERMUSIK
Zwei Geigen, Bratsche, Cello – fertig ist das Rahmenprogramm für Preisverleihungen und Gedenkstunden.
Das Kölner Minguet Quartett macht gekonnt einen Strich durch biedere Musikpläne



Offene Viererbeziehung

Von Christiane Florin



Als Marcel Reich-Ranicki gefragt wurde, wurde, warum er für das „Literarische Quartett“ Beethovens Opus 59,3 als Erkennungsmelodie ausgewählt habe, erzählte er von Jakob Messer, einem der besten Geiger im Warschauer Getto. Der junge Marcel ging zu ihm, weil der Künstler wusste, wo man Unterschlupf finden könnte. „Als wir gehen wollten, nahm er die Violine und spielte eine Melodie, die wir alle schon sehr oft gehört haben. Das Rasumowski-Quartett, den Anfang des letzten Satzes.“ Sehr langsam und sehr traurig habe der Mann gespielt.
Die Geschichte illustriert, was ein Streichquartett sein kann: eine existenzielle Erfahrung, eine Musik, die eine Saite im Zuhörer zum Klingen bringt, die der Alltag gedämpft, aber nicht zerrissen hat. Der Anspruch, etwas Wichtiges, ja Lebenswichtiges zu verhandeln, hat der Gattung das Überleben gesichert. Reich-Ranickis Erinnerung vermittelt jedoch auch, was ein Streichquartett nicht ist, aber oft sein muss: „musikalischer Rahmen“ für Gedenkstunden und Lebenswerk-Preisverleihungen. Kunst, mit der man nichts falsch machen kann. Mitschuld am Biederkeitsverdacht hat Goethe. Der schrieb übers Quartett: „Man hört vier vernünftige Leute sich unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennenzulernen.“
Wenn in dieser Woche Michael Gielen denhoch dotierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis
erhält, spielt das Minguet Quartett „Un Vieux Souvenir“, eine Komposition des Geehrten.
Die Kölner Formation ist jedoch weit davon entfernt, dem Konzertsaal bloß einen dekorativen
Anstrich zu verpassen. Die vier zählen zwar zu den etablierten Ensembles der Nach-Amadeus-Melos-La-Salle-Generation, gehen aber nie auf Nummer sicher. Ob Festakt oder Festival – wo immer sie auftreten, riskieren sie ungewöhnliche Programme und ein wandlungsfähiges Klangbild. Wer die Gesamteinspielung der Streichquartette von Peter Ruzicka hört, lernt Eigentümlichkeiten kennen, von denen Goethe nichts ahnte: Da pflegen die Geigen keine Konversation, da heulen, zirpen, fiepen, flüstern, hauchen sie. Hier wird nicht klassisch wohlsortiert behauptet, widersprochen, wiederholt und zum Schlussstatement gebündelt.
Die Zeiten sind nicht mehr so. „… über ein Verschwinden“, heißt ein Quartett, „… sich verlierend“ ein anderes. In den Minguet-Konzerten trifft Haydn auf Rihm, Mozart auf Ruzicka, Brahms auf Kurtag. Am Schluss ist nicht mehr klar, wer am modernsten klang. Die Musiker proben meist in der Wohnung von Matthias Diener, dem Cellisten. An diesem Nachmittag fehlt Aroa Sorin, ein Virus hat die Bratschistin erwischt. Das gemeinsame Üben fällt aus. Ganz oder gar nicht – ein Streichquartett duldet keinen Kompromiss. Also unterhalten sich drei vernünftige Leute darüber, was ein gutes Streichquartett ausmacht. „Dass vier gut zusammenspielen“, sagt der erste Geiger Ulrich Isfort lachend. „Dass die Musik emotional wie intellektuell gut gearbeitet ist und professionell präsentiert wird“, erklärt die zweite Geigerin
Annette Reisinger. „Dass man zu einer Aussage findet“, antwortet Matthias Diener.
Die Frage schwebt während des ganzen Gesprächs über dem runden Tisch, immer wieder fällt dem Trio Ergänzendes ein: Geduld, Kondition, Zuhören können, die Fähigkeit, die Körpersprache der anderen zu lesen, die Entscheidung für ein Leben ohne feste Orchesterstelle. „Die soziale Ordnung eines Orchesters ist überholt, ja skandalös falsch“, grundiert Matthias Diener sein Votum für die kammermusikalische Freiheit. „Warum soll einer allein 80 topausgebildeten Musikern sagen, wo es langgeht?“
Die Unterhaltung legt schnell unterschiedliche Temperamente frei: Ulrich Isfort übernimmt den ruhig-verschmitzten Part, Annette Reisinger steuert die charmant-analytische Stimme bei, Matthias Diener formuliert gesellschaftspolitische Spitzen. Der Name Minguet verpflichtet dazu, Musik mit einer sozialen Vision zu verbinden: Benannt ist das 1988 gegründete Ensemble
nach dem spanischen Publizisten Pablo Minguet. Von ihm ist in Deutschland kaum mehr bekannt als das, was die Programmhefte erzählen: Er habe dem breiten Volk einen Zugang zu den Schönen Künsten verschaffen wollen.
Kammermusik und breites Volk – scheinbar ein Widerspruch, die kleine Besetzung taugt nicht für Riesenarenen. Haydns Kaiserquartett braucht Trompeten, damit es stadiontauglich zur Nationalhymne aufgeblasen werden kann.
Die Diskografie des Minguet Quartetts ist der Mitsing-Animation unverdächtig: sämtliche Streichquartette von Wolfgang Rihm, in der Abteilung Älteres finden sich Werke des lange unerhörten Heinrich von Herzogenberg.
Das breite Volk lauscht zwar lieber Rieu als Rihm, den Anspruch ihres Namensgebers lösen die Minguets trotzdem ein. „Wir können nicht die Massen erreichen, aber jeden Einzelnen“, sagt Annette Reisinger. Von den Ideen umtriebiger Kulturvermarkter – Haydn mit Hummer, Schubert to go, Brahms plus Buddha – halten sie wenig. „Tourismuskunst“, nennt Matthias Diener jene Arrangements, die der Kraft des Konzerts nicht vertrauen. Die vier wollen nur spielen – und ihre Begeisterung ausspielen, am liebsten ohne Vortrag vorweg. Wenn Musik erklärt wird, so ihre Erfahrung, hört das Publikum nicht zu, sondern wartet auf die heiklen Griffe, von denen der Moderator gesprochen hat.
Aus der ursprünglichen Besetzung ist nur noch Ulrich Isfort dabei. Einen Bund fürs Leben haben die Minguets vor 22 Jahren nicht geschlossen, aber so etwas wie Lebensabschnittsgefährten
sind sie in ihrer offenen Viererbeziehung schon. Mit den großen Werken des Repertoires müsse man reifen, sich mit ihnen verändern, erzählen sie. Wenn sie Schumanns 3. Quartett nach langer Pause wieder mit den Kollegen spiele, dann habe sie das Gefühl, nach Hause zu kommen, schwärmt Annette Reisinger. Einmal, fernab von zu Hause, entkamen die Musiker knapp aus einem brennenden Hochhaus. Eine existenzielle Erfahrung. Auch die macht
ein gutes Streichquartett



Westdeutsche Zeitung

Atemberaubende „Aufschwünge“
04.06. 2010
von Valeska von Dolega

Das Minguet Quartett begeisterte seine Gäste in der Stadthalle.
 
Ein hochkarätiges Ensemble: Das Minguet Quartett musizierte in der Stadthalle – im Rahmen der 8. Bergischen Biennale. (Foto: Veranstalter)

Wuppertal. Am Ende des zweistündigen Konzerts toste ein Applaus, in den die Zuhörer anscheinend all ihre Begeisterung über dieses abwechslungsreiche, vielschichtige Hörerlebnis gelegt hatten. Dass das Kammerkonzert des renommierten Minguet Quartetts in der Stadthalle lediglich dürftig besucht war – zwei Drittel der Plätze im Offenbach-Saal blieben unbesetzt – war diesem lautstarken Beifall keineswegs anzumerken.

Die Gäste, die das Konzert nicht verpassen wollten, darunter Komponist Lutz-Werner Hesse, Flötist Matthias Nahmmacher und seine Frau, die Geigerin Ulrike Nahmmacher, wurden mit einem klangreichen, virtuosen Musikerlebnis beschenkt.

Unter dem Motto „Aufschwünge“ – dies ist das übergeordnete Thema, unter dem die 8. Bergische Biennale für Musik in diesem Jahr steht und das 1988 gegründete Quartett am Johannisberg gastierte – hatten Viola-Spielerin Aroa Sorin, Annette Reisinger, Ulrich Isfort, beide an der Violine, und Violoncellist Matthias Diener vier überaus unterschiedliche Stücke ausgewählt.

Im Eröffnungsstück, dem 2.Streichquartett, verarbeitet Peter Ruzicka den Tod Paul Celans. Auf dieses überaus intensive Fragment folgte Robert Schumanns Streichquartett op.41 Nr.3 A-Dur, mit dem die Musiker das schon jetzt restlos begeisterte Publikum in die Pause entließen.

Anschließend ging es mit Joseph Haydns „Lerche“ weiter, ehe das hörbargemachte Nichts als Huschen, Hauchen und Hinweggleiten Matthias Pintschers mit dem Titel „Study IV for Treatise on the Veil“ folgte. Fürwahr atemberaubend war, was das Minguet Quartett leistete, dessen offensichtliche gemeinsame musikalische Neugierde, ihr übereinstimmendes Musikverständnis und die Liebe zum anspruchsvollen Musizieren den Abend zu einem wunderbaren Kammerkonzert machte.

Besonders schön war auch, wie Altes von Schumann und Haydn mit Neuem von Ruzicka, Jahrgang 1948, und Pintscher, Jahrgang 1971, verwoben wurde und als ein fein verknüptes Netz filigraner Nuancen durch die leidenschaftliche, aber auch überaus korrekte Interpretation zu einem einmaligen Klangerlebnis wurde. Dankbar nahmen die Musiker den Schlussapplaus und Rosen entgegen.





Oberbayerisches Volksblatt 11.05.2010





Das Minguet Quartett als Vermittler unterschiedlicher musikalischer Welten


Kontrastreiches Abschlusskonzert der Nachtstücke

Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge" gilt als fundamentales, richtungsweisendes Werk kontrapunktischer Musik. Vom Meister ohne Besetzungsangabe in Partitur gesetzt, wird es in verschiedenen Formationen aufgeführt. Darunter sind die für Streichquartett besonders aufschlussreich und transparent. Genau so geriet die Interpretation durch das in Köln beheimatete Minguet Quartett, mit Ulrich Isfort (Violine I), Annette Reisinger (Violine II), Aroa Sorin (Viola), und Matthias Diener (Violoncello), beim kontrastreichen Abschlusskonzert des sechsten Musikfestes "Nachtstücke", im akustisch hervorragenden Ahnensaal des Klosters Zangberg.

Den zahlreichen Zuhörern wurde die Möglichkeit geboten, die verschlungenen Wege der kunstfertigen Fugen nicht nur hörbar, sondern auch visuell durch Blickkontakt mit den Streichern nachzuvollziehen - ein bewegender Vorgang. Dieser war auch unerlässlich beim "Officium breve" von György Kurtag (geboren 1926 in Rumänien), dessen Kompositionsstil entscheidend von der ungarischen Psychologin Marianne Stein beeinflusst wurde. Sie führte ihn zu sich selbst. Sie wies ihn beispielsweise an, ganz einfach nur zwei Töne zu verbinden. Auf diese Weise half sie dem suchenden Komponisten zu der ihm gemäßen musikalischen Form zu finden.

Das "Officium breve in memoriam Andreae Szervanszky", eines ungarischen Komponisten, wurde weitgehend von dessen Musik sowie von der Anton Weberns als konträren Pol geprägt. Die 15 Teile wechselten sich ab mit den Bachschen Fugen. Im Gegensatz zu diesen war eine Transparenz auf Anhieb ohne Partitureinsicht nicht erkennbar - daher die Notwendigkeit der visuellen Hilfestellung. Sie brachte nebenbei Spektakuläres zu Tage, wie den bei modernen Tonsätzern üblichen Umgang mit den Instrumenten, nicht immer im Sinne des Erfinders. So bekam man unter anderem zerreißprobenartige Pizzicatti oder aufschreckend kreischende Geräusche präsentiert, mit Streichinstrumenten erzeugt. So etwas will gekonnt und eingeübt sein - eine Glanzleistung des Quartetts. Alfred Schnittke, ein Wolgadeutscher (geboren 1934), beschäftigte sich kompositorisch intensiv mit den Entwicklungen und Richtungen der neuesten Musik wie der Dodekaphonie, der seriellen Technik und der Aleatorik. Das wurde auch sehr deutlich in seinem Klavierquintett, meisterhaft und perkekt ausgeführt vom Minguet Quartett und Michael Frohn-meyer am Konzertflügel.

Ein an tonaler Musik geschultes Gehör müsste sich an diese Art von Tonsetzung erst gewöhnen - oder auch nicht. Niemand sollte es gegen sein persönliches ästhetisches Empfinden tun. Das gilt schließlich für alle Bereiche der Kultur und Zivilisation. In Würdigung ihrer fühlbaren Hingabe an die Musik bekamen die Künstler des Abends viel herzlichen, anerkennenden Beifall. Als Zugabe spielten sie einen fulminanten Satz aus Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op.44, für viele Inbegriff inspirierter Kammermusik.







Süddeutsche Zeitung 11.03.2010  

Last und Lust

Das Minguet Quartett spielt Jörg Widmanns Streichquartettzyklus in der Akademie

Man kann den Komponisten Jörg Widmann gut verstehen, dass er bei der Arbeit an seinem ersten Streichquartett vor allem die gewaltige Last jenes Werkanspruchs auf den Schultern spürte, der seit Haydn, Mozart und Beethoven jeden trifft, der ein Streichquartett schreiben will.
Im lebhaften Gespräch mit dem Münchner Musikhochschulpräsidenten Siegfried Mauser erzählte Widmann in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste von der Entstehung und Idee seiner fünf Streichquartette. Zwar können sie je einzeln aufgeführt werden, doch Widmann hat sie letztlich als Zyklus konzipiert, gleichsam als Groß-Streichquartett von gut 90 Minuten Dauer.
"Diese Last Musik werden zu lassen" war Widmanns Ausweg beim ersten, sich vom harten Druck auf die Saiten allmählich in fließendere Gefilde tastenden Quartett von 1997, die Introduktion des Zyklus. Erst bei der Arbeit am 2., dem Choral-Quartett, keimte die Idee zur Groß-Form. Stellt dieses den langsamen Satz innerhalb des Zyklus dar, ein extremes, fast auf der Stelle tretendes Largo, so folgt ihm als Scherzo - Widmann sieht es grimmig im Sinne von Mahler und Schostakowitsch - das virtuos auftrumpfende, sich zu Tode hetzende Jagdquartett. Das vierte nennt Widmann ein passacaglienhaftes Andante, ein das Gehen und Schreiten erforschendes Stück, in dem das Pizzikato die Orientierungsachse bildet. Das Finale endlich, "Versuch über die Fuge", wird zur fesselnden Wanderung durch die ungemein vielfältige Welt von Fugenfragmenten. Die Spieler stehen dabei, dazu singt ein Sopran das "vanitas vanitatum" des Predigers Salomo. Widmann sieht strenge Formen wie die Fuge als kreative Fesselung, aus der er sich "befreit".
Das Minguet Quartett und die Sängerin Gabriele Hierdeis lieferten eine hochengagierte, die Vision des Komponisten plastisch verdeutlichende Aufführung, die sich von "Satz" zu "Satz" vehement steigerte. Helle Begeisterung für Jörg Widmann und die Musiker.
HARALD EGGEBRECHT















Einen wahren Zaubergarten eröffnet



Minguet-Quartett begeisterte das Publikum - Schwelgerische Sinnlichkeit vom Feinsten - Ein klanglicher Hochgenuss.

Mit dem MinguetQuartett war eine der prominentesten deutschen Streichquartett-Formationen zu Gast in der Reihe "Mosbacher Klassische Konzerte" in der Alten Mälzerei. Haydns "Lerchenquartett" D-Dur machte den Anfang des Abends und hier zeigte das Minguet-Quartett schon einen wesentlichen Teil seiner Stärke und seines Gespürs für den Klassiker. Leichtgewichtigen spielerischen Elan und Esprit entwarfen die Musiker dabei, überaus transparent wurden alle Verläufe durchzeichnet.

Schönste Hingabe und Beredsamkeit erhielt der langsame Satz in einem Spiel voller Feinsinn und butterweicher instrumentaler Gesänge. Bei alldem musizierten die vier sehr stilvoll, schlank und fein im Klang. Leichtigkeit und Schwungkraft, stürmender Elan und fein zerstäubte Impulse waren dabei trefflich vereint.

Das Minguet-Quartett spielt sämtliche Werke immer aus den Partituren, so dass jeder Spieler auch die Noten seiner Mitspieler vor Augen hat. Da weiß jeder, was der andere macht und dementsprechend hochgespannt ist das Spiel. Sehr viel Leben, Bewegung und Emotion ist hier innerhalb des Spiels von Ulrich Isfort und Annette Reisinger (Violinen), Aroa Sorin (Viola) und Matthias Diener (Violoncello).

"Des war ebbes ... Des war bestimmt schwer zu spiele, awwer .. ich kann damit nix afange", meinte ein Besucher in der Pause, noch ganz unter dem Eindruck von Wolfgang Rihms 10. Quartett. Für einen Teil des Publikums mag diese Musik starker Tobak gewesen sein, der Großteil aber lauschte den modernen Klängen sehr konzentriert und belohnte die Aufführung am Ende mit lebhaftem Beifall.

Zeitgenössische Musik ist ein fester Bestandteil im Repertoire des MinguetQuartetts, das sich insbesondere für die Werke Rihms immer wieder einsetzt. Sämtliche zehn Quartette des Karlsruher Kompositions-Professors haben die Minguets bereits mehrfach aufgeführt. Zwei stille Ecksätze umgeben "Battaglia/Follia", den zentralen Satz dieses Werkes. Zwischen Kriegsgetümmel und vergnügtem tänzerischem Spaß pendelte dieser große Mittelsatz in furioser Schärfe.

Eine kantig-erhitzte und vor Leidenschaftlichkeit vibrierende Musik, die hier große rhythmische Markanz und klangliche Schroffheit erhielt in einer mit hoher Emotionalität und Energie aufgeladenen Wiedergabe. Das Kinderlied "Taler, Taler, du musst wandern" hat Rihm gleichfalls in diesem Satz aufgefangen, klanglich verfremdet und ironisch verschärft. Eine grelle Burleske entstand somit daraus. Große meditative Innerlichkeit erhielt der Schlusssatz, verwehte Harmonien, verhauchende Klänge, die wie eine ferne Erinnerung an das Vorangegangene tönten.

Maurice Ravels Streichquartett gab es nach der Pause bei diesem SWR-Mitschnitt. Wunderbar weich konturiert, herrlich warm und schmiegsam im Klang musizierte das Minguet-Quartett: da spürte man die Düfte und Farben einer mediterranen Landschaft. Dabei wurde ein wahrer Zaubergarten eröffnet, schwelgerische Sinnlichkeit vom Feinsten: ein klanglicher Hochgenuss! Betörend weiche Töne von verführerischer Wirkung, mit großem Feinsinn geformte zarte Gespinste und flimmernde Farben wurden vereint zu einem Spiel der Extraklasse.

Eine Fülle des Wohllauts in edlen Schattierungen. Und wie viel Temperament und Feuer die vier Musiker neben all der Delikatesse draufhaben, zeigten sie im Finale, deren kräftig entwickeltes Farbenspektrum sie großartig glühen ließen.

Groß war die Publikumsbegeisterung am Ende, wofür sich das Minguet-Quartett mit der "Kavatine" von Erwin Schulhoff bedankte: eine schwelgerisch musizierte, impressionistisch anmutende Musik, die dem Farbensinn Ravels kaum nachstand.

Von Rainer Köhl - Rhein-Neckar-Zeitung





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Rihm und die Klarinette