Rihm und die Klarinette
Kritik
von Michael Loos, 30.04.2006
(In:
klassik.com)
Interpretation:
*****
Klangqualität: ****
Repertoirewert:
*****
Booklet: ****
(*****
= Optium)
Mozarts
Klarinettenquintett, dieses wahrhaft vollkommene Werk, versetzt die Hörer in
Entzücken, die Komponisten nachfolgender Generationen gerieten (und geraten)
jedoch ins Grübeln: Kann man diesem Meisterwerk eine nur annähernd
vergleichbare eigene Schöpfung folgen lassen? Macht nicht jedes weitere
Klarinettenquintett gegenüber demjenigen Mozarts eine unglückliche Figur?
Brahms zog sich mit seinem späten Quintett noch am überzeugendsten aus der
Affäre, Reger und so manch folgender Komponist konnte da nicht mithalten. Auch
heute steht jeder, der für die Besetzung Klarinette plus Streichquartett
komponiert, vor der Frage: Bewusst die Distanz, den Kontrast zu Mozart suchen
oder doch irgendwie dessen Quintett reflektieren? Wolfgang Rihm lässt in seinen
‚Vier Studien‘ (2002) zumindest die eine oder andere Erinnerung an Mozart durchschimmern,
die vier Abschnitte nähern sich den klassischen vier Sätzen an (Scherzo an
zweiter, langsamer Satz an dritter Stelle). Die musikalische Sprache Rihms ist
freilich eine andere als diejenige Mozarts, auch im Klarinettensolowerk ‚Vier
Male‘, das im Jahr 2000 entstand. Protagonist in beiden Kompositionen ist Jörg
Widmann, in den ‚Vier Studien‘ wird er vom Minguet Quartett begleitet.
In
den Klarinettenquintetten des 18. und 19. Jahrhunderts ist die
Aufgabenverteilung klar: Das Blasinstrument steht im Vordergrund, die vier
Streicher begleiten. Davon kann bei Rihm keine Rede sein – zwar genießt die
Klarinette einen privilegierten Status, aber auch die Mitglieder des Quartettes
werden voll gefordert. Besonders der schnelle zweite Abschnitt steckt voller Tücken,
die den Musikern alles abverlangen. Da geht es im ersten Satz noch gemächlicher
zu, kann Widmann das Klangspektrum seines Instrumentes wunderbar entfalten. Wer
ein expressiv aufgeladenes Werk wie etwa die ‚Fremden Szenen‘ für Klaviertrio
erwartet, wird ohnehin überrascht sein: Die ‚Vier Studien‘ zeigen Rihm von
seiner gelassenen, entspannten Seite, obwohl einige heftige Ausbrüche nicht
fehlen. Insgesamt wirkt das Werk aber eher ruhig, der letzte Abschnitt schließt
im leisesten pianissimo.
Widmanns
überragendes Spiel, vom Minguet Quartett auf gleichem Niveau
unterstützt, trägt sicherlich zu diesem Eindruck bei – hier agieren fünf
technisch souveräne Musiker, die wissen, was sie können. Es dürfte für andere
Ensembles schwer werden, an diese Einspielung heranzukommen. Sicherlich werden
die ‚Vier Studien‘ dennoch bald von einigen Interpreten aufgegriffen werden –
denn viele Werke Rihms genießen den seltenen Vorzug, auch nach ihrer
Uraufführung noch gespielt zu werden. Darauf hoffte so mancher Avantgarde-Komponist
ein Leben lang vergeblich.
Die
‚Vier Male‘ für Klarinette solo wirken schwächer als das Klarinettenquintett,
weil die Abwechslung fehlt. Bei aller Freude an der Virtuosität Widmanns und
den Fähigkeiten Rihms, die Grenzen des Instrumentes auszuloten, muss man doch
festhalten: Über 25 Minuten nur eine Klarinette, sonst nichts, da geht auch
beim aufgeschlossensten Hörer die Konzentration verloren. Am gelungensten wirkt
noch das kurze dritte Stück. Als Pluspunkt darf man den hervorragenden Klang beider
Einspielungen verbuchen: In den ‚Vier Studien‘ stimmt die Balance zwischen
Klarinette und Streichern, im Solowerk wurde der Ton des Instrumentes in seiner
ganzen Vielfalt eingefangen.
Letztlich
ist diese CD vor allem aufgrund des Klarinettenquintettes empfehlenswert. Rihm
setzt sich gekonnt mit der Tradition der Gattung auseinander, ohne auf eigene
Impulse zu verzichten. Widmann und dem Minguet Quartett gelingt eine maßstabsetzende Interpretation des Werkes. Die ‚Vier Male‘
dagegen sind eher eine Auseinandersetzung zwischen Komponist und Interpret, die
Publikumswirkung dürfte gering sein.